Jazzsängerin in Nöten

Summertime,
And the livin‘ is easy
Fish are jumpin‘
And the cotton is high

Dieser Tage gibt es jede Menge Weihnachtsfeiern. Zu einer solchen…

© Lost Angel

…bei einer befreundeten Firma war ich eingeladen – am anderen Ende der Republik. Somit war klar: Übernachtung im Hotel, zum Wiederheimfahren viel zu weit. Auch klar: Open End, Hotel war nicht weit, man musste nicht vorzeitig gehen.

Der Anmarsch zur Feier stellte sich als schwierig heraus, sie lag in einem brachliegenden Industriegebiet, das wohl ein Überbleibsel irgendeiner Bundesgarten- oder Weltausstellung war. Ich landete erstmal auf zwei anderen Weihnachtsfeiern, auf denen auch ein paar Leute waren, die auf die meine wollten. Gemeinsam machten wir uns dann noch mal auf die Suche und wurden schließlich fündig: Eine große Mehrzweckturnhalle, nannte sich „die schwedische Kombination“ oder so ähnlich und sah auch aus wie von Ikea. Davor Glühwein, drin Weihnachtslieder. Oh je! Und dafür diese lange Reise???

Naja, immerhin, es gab zu essen und zu trinken. Und hübsche Mädels. Und es sollte später ja noch Livemusik geben. Auch was mit Jazz. Hm. Mag keinen Jazz. In einem Hinterraum, in dem es saukalt war – und dass Bilder von Eisbergen an die Wand geworfen wurden, machte die Sache nicht gerade besser. Ich ging erstmal wieder raus und holte mir einen Glühwein.

Einige Stunden und gelangweilten Smalltalk später verschlug es mich wieder in die Eisbergkammer. Die Band kam aus dem Osten, dort haben sie ja bekanntlich alle eine musikalische Ausbildung machen müssen, was man merkte. Allerdings war es schon kurios, wenn vor jedem Stück die Tonart angesagt wurde („Sie hören nun „Like a rolling stone“ in As-Dur – nein, es war Es-Moll“). Ungefähr so informativ wie „das nächste Musikstück enthält 341 Noten und dauert 2 Minuten 56 Sekunden“. Den Musikern fielen auch des Öfteren ihre Noten zu Boden. Irgendwie lustig. Und mutig, denn mit unter anderem einem Kontrabaß und zwei Piano-Synths spielte die Band wirklich alles von Jazz bis AC/DC („You shook me all nite long“).

Aber: Wenn die beiden Mädels sangen, dann war wirklich alles egal. Die Kälte, die Uhrzeit, die Welt. Nicht mal die offensichtlich sehr schmusebedürftigen Mädels an meinem Tisch konnten mich nennenswert von der Musik ablenken. Schon L. konnte verzaubern, doch wenn ihre Schwester S. sang, dann dachte man, Janis Joplin ist wieder am Leben. Wow! Was eine Stimme, was ein Gefühl! Sogar Bette Middler’s „The Rose“ schaffte sie beeindruckend…und wer glaubt, das ist einfach zu singen, soll es nur ruhig einmal versuchen…

Spätestens um 0.30 wollte ich gehen. Da ging der Bus zum Hotel. Und mich noch mal verlaufen wollte ich nicht.

Doch die eine Band gab zu lange Zugaben, nachdem ich sie immer wieder herausgeklatscht hatte. Und der Bus war weg. Na dann war es auch egal. Also ab in den Eiskeller zur anderen Band.

L. war schon toll, doch ihre Schwester S. gefiel mir inzwischen immer besser. Ihre Stimme hatte so ein Timbre…da drängte in dieser kühlen Umgebung förmlich das warme Gefühl nach außen…und die Band hatte ebenso wie das Publikum total gute Laune…irgendwann war es 1.30 und die Band wollte langsam mal einpacken…und da sagte der Typ doch glatt:

„Wir können leider keine Zugabe mehr spielen, wir müssen jetzt sofort aufhören, denn unserer Pianistin platzt gleich die Blase!“

Oh-oh…hach, wie schön! Daher dieses tolle Timbre in der Stimme! Aber was? Keine Zugabe? Ach was! „Geht nicht“ gibts nicht! Alles klatscht, jubelt und schreit „Laufenlassen, weiterspielen!“. Schwacher Protest von der Bühne, dass das wegen der vielen Technik nicht gut wäre…ja aber das E-Piano steht doch gar nicht am Boden…

Es hilft nichts, die Zugabe muss sein und S. hält tapfer durch, trifft auch noch die richtigen Tasten und klingt nun wirklich total leidenschaftlich hmmmm. Und das genießende Volk kennt keine Gnade und besteht auch auf einer zweiten Zugabe. Ich beobachte das Gesicht von S., das Verzweiflung und Genuß zugleich erkennen läßt.

Die Zuschauer bestehen auf einer dritten Zugabe. Doch da flüchtet S. von der Bühne und auch die Zurufe „das gilt jetzt nicht“ können sie nicht mehr stoppen. Sie muß einfach zu dringend, der Eiskeller hat zusammen mit den nur für die Stimme gedachten Getränken ganze Blasenarbeit geleistet. Die Zuschauer johlen unbeeindruckt weiter und die Band muß nun zu dritt die nun wirklich letzte Zugabe geben, während S. erst nach Beginn des Stückes wieder vom Klo zurückkommt und sich nun schweigend aber sehr erleichtert und glücklich blickend wieder an ihr E-Piano setzt.

Ich habe bisher nur erlebt, dass nette Damen sich von mir erotische Geschichten vorlesen lassen und einen Kick davon kriegen, wenn mir die Stimme kippt, wenn der Blasendruck zu hoch wird und es unterm Lesen zu laufen beginnt. Aber jetzt bin ich wirklich neugierig, wie die fantastische S. wohl erst geklungen hätte, wenn sie die dritte Zugabe auch noch gesungen hätte und es dann mitten in dieser um sie geschehen wäre. Ob ich es je erfahren werde? Auf der Bühne wird sie sich das verständlicherweise nie leisten…auch wenn die Band damit sicher schnell bekannt würde… 😉

Your daddy’s rich
And your mamma’s good lookin‘
So hush little baby
Don’t you cry

(Warum muß ich jetzt gerade an George Gershwin denken – „Summertime“ hat die Band doch gar nicht gespielt? Na vielleicht, weil es so gut zum Eiskeller passte…?)

© Lost Angel

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