Joachim Ringelnatz pullert an die Wand

Alte Winkelmauer

Alte Mauer, die ich oft benässe,
Weil’s dort dunkel ist.
Himmlisches Gefunkel ist
In deiner Blässe.

Pilz und Feuchtigkeiten
Und der Wetterschliff der Zeiten
Gaben deiner Haut
Wogende Gesichter,
Die nur ein Dichter
Oder ein Künstler
Oder Nureiner schaut.

»Können wir uns wehren?«
Fragt’s aus dir mild.
Ach, kein Buch, kein Bild
Wird mich so belehren.

Was ich an dir schaute,
Etwas davon blieb
Immer. Nie vertraute
Mauer, dich hab‘ ich lieb.

Weil du gar nicht predigst.
Weil du nichts erledigst.
Weil du gar nicht willst sein.
Weil mir deine Flecken
Ahnungen erwecken.
Du, eines Schattens Schein.

Nichts davon wissen
Die, die sonst hier pissen,
Doch mir winkt es: Komm!
Seit ich dich gefunden,
Macht mich für Sekunden
Meine Notdurft an dir fromm.

Joachim Ringelnatz – Sämtliche Gedichte

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Eine Antwort zu “Joachim Ringelnatz pullert an die Wand”

  1. Yellow Wet Dream sagt:

    Tja der olle Ringelnatz, ein Muldentaler so wie gebürtig ich auch … und da sage noch mal einer Urin läge uns nicht im Blut *verschmitzt grins*

    ————————————————————–
    Lieber viele feuchte Träume als einen trocknen Albtraum
    *YWD*